
Ich erinnere mich: Die Wohnung eines Freundes oben im alten Bürgerhaus am Fischmarkt, die Regale im Flur voll mit Büchern und auf erheblicher Strecke die Jahrgänge der Fackel von Karl Kraus. Natürlich von Zweitausendeins verlegt, wie so viele dieser besonderen, vergessenen und geborgenen Schätze. Einiges davon ist auch in den eigenen Regalen gelandet, vieles später mühsam und unter Tränen entsorgt. Zu Karl Kraus also: Geborenen 1874 in Jičín (Böhmen), gestorben 1936 in Wien, gilt bis heute mit seinem polemisch-satirischen Werk als einer der bedeutendsten Sprach- und Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts. ›Die letzten Tage der Menschheit‹, ›Die Fackel‹, die ›Dritte Walpurgisnacht‹, Aphorismen, Essays, Gedichte und unzählige Glossen. Katharina Prager hat sich dem Leben dieses Mannes in einer Art Biographie in Bildern und Szenen genähert: »›Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe.‹ Das Leben des Satirikers Karl Kraus«
Als ich das Buch ›Eine Frau zwischen gestern und morgen‹ von Doris Brehm in diesem Blog vorstellte, hatte ich das erste mal von der Historikerin Katharina Prager gehört. Sie war zusammen mit Bettina Balàka Herausgeberin des Romans und öffnete im Buch einen biographischen Blick auf die Autorin. Die gebürtige Wienerin ist Zeithistorikerin, Biografin, Kraus-Forscherin und stellvertretende Direktorin der Wienbibliothek im Rathaus. Hier also Karl Kraus, solch ein Leben auf 160 Seiten. Kann das gut gehen?
Ganz offensichtlich ist dieses Buch keine von Bergen an Material erdrückte und erdrückende Biographie, sondern eine Auswahl an Szenen aus dem Leben des großen Satirikers mit all seinen ambivalenten Aspekten. Das Wort ›Szene‹ führt uns gleich zum Aufbau des Buches: Es ist aufgeteilt in 5 Akten (1874—1898, 1899—1910, 1911—1918, 1918—1928, 1928—1936), diese wiederum stets in 5 Szenen. 5 Akte wie in ›Die letzten Tage der Menschheit‹. Das Buch ist reich bebildert, die vielen Anmerkungen und Textnachweise sind in den Fußnoten stets unten auf der betreffenden Seite angebracht (I love it!). Die fadengeheftete Klappenbroschur, das schöne Papier, die ganze geschmackvolle Ausstattung: Es macht Spaß, dieses Buch zur Hand zu nehmen. Was wohl nicht nur mir so geht: Im Jahr des Erscheinens 2025 gab es gleich eine zweite Auflage. Doch nach diesem notwendigen Sonderlob zu noch Wichtigerem, zum Text.
Es beginnt mit einer Widmung: »Für Gerald Krieghofer, der mir diesen Karl verträglich gemacht hat.« Gerald Krieghofer war ein österreichischer Autor, Karl-Kraus-Experte und eine Kapazität für das Aufspüren von falschen Zitaten. »Dies ist wohl ein Fall für Krieghofer« hieß es nicht selten auf Twitter und später noch auf Bluesky. 2025 starb er. (Was den Text der Widmung angeht, so lese ich übrigens immer wieder »der mir diesen Kerl verträglich gemacht hat«: !??)
Wie aber kommt man diesem so wichtigen Kulturkritiker nah? Frau Prager geht in ihrer Biographie erst einmal durchaus chronologisch vor, bedient sich aber eines »theatralen Zugriffs«. Ich zitiere die Autorin aus dem Vorwort (S. 17 oben):
»Die zentral gestellten Situationen machen bereits in ihrer Auswahl die sie umgebende Dunkelheit, die sich über viele andere Bereiche und Ereignisse dieses Lebens breitet, und damit den fragmentarischen Charakter jedes biografischen Unternehmens sichtbar.«
Es geht in dem Buch also um eine Auswahl und um verschiedene Aspekte: Um politische Widersprüche im Leben von Karl Kraus (Dollfuß, Sozialdemokratie) und seinem Diktum der Gesinnungslosigkeit, um dessen jüdische Identität, und ja, auch um Genderfragen. In dem Buch sprechen viele Zeitgenossen Karl Kraus und es sind ebensoviele Männer wie Frauen, die zu Wort kommen. Ein Überstülpen heutiger Vorstellungen auf die Zeit Kraus‘ ist das keineswegs. Die unaufgeregte Art wie Prager auch Misogynie im Leben des Satirikers deutlich macht, sind nie aus heutiger Perspektive aburteilend, sondern kommen nüchtern und erhellend zur Sprache. Karl Kraus war schon auch ein anstrengender Mensch. Schön fand ich auch, dass dieses berühmte Video mit dem sprechenden Karl Kraus erwähnt wird. Ich kannte das Video und es wirkt in der Tat befremdlich und in Sprachduktus und Gestik fürchterlich nah an Adolf Hitler, so wie Kraus da auftritt, auch wenn man die allgemeinen Sprechgewohnheiten dieser Zeit einzubeziehen hat. (Youtube: Karl Kraus aus eigenen Schriften, Tonfilm 1934). Der Autorin Stärke in diesem Buch ist es, dass sie die Person Karl Kraus dort belässt, wo sie in Zeit und Raum gelebt hat, und gleichzeitig mit viel Wissen, aber auch mit Witz und Esprit in Aspekten für uns sichtbar werden lässt. Das viele Dunkle und Weggelassene dazwischen gehört dazu. Dieser Text ist nie langweilig, nie sättigend. Meines Erachtens ist das keine geringe Leistung. Ich habe »›Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe.‹ Das Leben des Satirikers Karl Kraus« von Katharina Prager mit großer Freude gelesen.
Gestern hörte ich mal wieder in die Lesung von ›Die letzten Tage der Menschheit‹ von Helmut Qualtinger rein. Die Lesungen dieses Werks habe ich übrigens stets mehr gehört, als ich im Buch gelesen hätte. Irgendwann ging es verloren (auf jeden Fall ist es unauffindbar) und ich habe mir eine neue Taschenbuchausgabe besorgt. Sollte ich vielleicht mal wieder zur Hand nehmen — die Bücher Karl Kraus und die Auswahlbände wären ja in Reichweite. Und das Buch von Frau Prager hat Lust auf Wiederaufnahme der Lektüre gemacht.
Meine Ausgabe: Katharina Prager: »›Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe.‹ Das Leben des Satirikers Karl Kraus«, Sonderzahl Verlag, Wien 2025, 160 S., fadengeheftete Faltenbroschur, ISBN 978-3-85449-692-2. Eine Leseprobe gibt es auf der Verlagsseite.


Wieder ein sehr inspirierender Artikel, liebe Lena. Ich kenne Karl Kraus, ohne mich jemals nennenswert mit ihm beschäftigt zu haben. Das wird nun nachgeholt!