
Der Ventilator summt vor sich hin und weht hier und da eine zarte Brise Luft an mein verschwitztes Selbst. Wie so viele Zeitgenossen bin ich grad genervt und beunruhigt zugleich. Äußerst beunruhigt ist auch das Personal des Krimiklassikers ›und dann gab’s keines mehr‹ von Agatha Christie, denn einem Abzählreim folgend wird eine nach dem anderen stilgerecht dahingemeuchelt. Ich bin im Grunde überhaupt keine Agatha Christie Leserin, doch fiel mir das Buch bei einem Besuch in der Buchhandlung auf, da diese Leinenausgabe so besonders stilvoll daherkommt: Grau mit Schwarz und ein wenig Gold, als Motiv der Halbkreis der Typenhebel einer Schreibmaschine: Das hat was. Und bei der Hitze braucht es spannende und unbeschwerte Lektüre. Zurück zu seligen Lesezeiten ist das Motto.
Es benötigt schon eine Ignorantin wie mich, diesen 1939 erschienenen Roman, im Original ›And Then There Were None‹ betitelt, nicht zu kennen. Es ist nämlich der meistgekaufte Kriminalroman aller Zeiten. Ins Deutsche wurde diese Ausgabe bei der Büchergilde Gutenberg von Eva Boné übersetzt, für die Illustrationen sorgte Annika Siems. Ein durchgehendes Motiv in dem Roman ist der bekannte Abzählreim »Zehn kleine Kriegerlein …«, den wir noch unter einem anderen Namen kennen werden. Macht man heute nicht mehr, gut so. Doch um was geht es in diesem Krimiklassiker überhaupt?
Ein unbekannter Mensch namens U.N. Owen lädt zehn Personen aus ganz verschiedenen Gesellschaftsschichten auf eine vor der Küste Devons gelegene Insel ein. Die mehr oder weniger gravierenden Missetaten im Leben dieser Personen werden uns nach und nach mitgeteilt. Kaum angekommen wird dieser gemischten Gesellschaft das bevorstehende Unheil per Grammophon angekündigt. Und wenig später geht es mit dem Abzählen los und nach jedem Mord steht ein Kriegerfigürchen weniger am Platz. Fieberhaft wird nun nach dem Mörder oder der Mörderin auf der Insel gesucht, denn ein Entkommen von dem grauenhaften Eiland ist so schnell nicht möglich. In einer Vorbemerkung wird die Autorin zitiert:
Zehn Menschen sollten sterben, ohne dass es lächerlich wirkte und ohne dass man den Mörder erraten konnte. Ich musste sehr lange und gründlich planen, war aber dann mit meiner Arbeit zufrieden.
Zu Recht. Der Plot funktioniert, man wird prächtig unterhalten und hat ein paar vergnügliche Lesestunden. Es ist doch immer gut, Lücken im literarischen Kanon sein eigen nennen zu können. Dieses Buch ist außerordentlich ansprechend editiert, was nicht zuletzt an den Schwarz-Weiß-Aquarellen von Annika Siems, der guten Papierwahl und dem Lesebändchen liegt. Ein perfektes Buch auch zum Verschenken.
Meine Ausgabe:
Büchergilde Gutenberg 2026, 256 Seiten, Leinen, ISBN 978-3-7632-7730-8

Vielen Dank für diesen Hinweis. Meine Krimizeit ist nach den Werken von Hammett und Chandler eigentlich vorüber. Aber eine schöne Ausgabe der BG ist oft eine Verführung wert.
Schöne Grüsse, Robert
Sehr gern. Auch bei mir ist es sehr lange her, dass ich Hammett, Chandler und Woolrich verschlungen habe. Hier habe ich mich mal wieder verführen lassen und es nicht bereut.