
Das Schaffen von Ricarda Huch (1864-1947) ist breit gefächert. Neben ihrem Romanwerk wurde sie vor allem für ihre Lyrik und kulturgeschichtlichen und historischen Werke (Die Romantik, Der Dreißigjährige Krieg, Deutsche Geschichte) gerühmt. Huch entstammt einer niedersächsischen Patrizierfamilie, ihren Stil kann man als konservativ, dabei sich aber stetig erneuernd bezeichnen. Politisch ist die Autorin eine komplexe Person, sie stand allerdings dem Nazi Regime klar feindlich gegenüber. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte Ricarda Huch unzweifelhaft zur Elite ihrer Zunft und es mag sich heute lohnen, einen Blick auf einige ihrer Werke zu werfen. Beginnen möchte ich mit ihrem 1917 erschienenen ›Der Fall Deruga‹, einen Kriminalroman oder eine Art literarischer Gerichtsroman, wenn man so will. Huch selbst nannte ihn eine Schundgeschichte, der allein zum Zwecke des Geldverdienens geschrieben wurde. Ich komme darauf noch zu sprechen. Ende der 1930er und noch einmal Ende der 1950er wurde dieser Roman um einen exzentrischen italienischen Arzt verfilmt.
Zur Handlung des Romans: Die nicht unvermögende Frau Mingo Schwieter, geschiedene Frau Deruga, stirbt in ihrem Münchner Haus an einem Krebsleiden. Ihr vor siebzehn Jahren geschiedener Ex-Ehemann Dr. Deruga, ein in Prag lebender Arzt, ist alleiniger Erbe. Aus bestimmten Verdachtsmomenten heraus und weil sie bei dem Erbe leer ausgegangen ist, fordert die Kusine der Verstorbenen Baronin Truschkowitz die Exhumierung der Leiche. Als das so geschehen ist, stellt sich heraus, dass die Verstorbene an dem Nervengift Curare verstorben ist. Es kommt zur Gerichtsverhandlung. Der Roman schildert auf 204 Seiten und in 18 Kapiteln meist in Dialogen nicht nur diese Verhandlung, sondern greift auch geschickt zurück in die Vergangenheit der Protagonisten.
Ich führe mir vor Augen, dass dieser Roman 1917 geschrieben wurde, und bin erstaunt, wie zügig der Fortgang dieser Kriminalgeschichte erfolgt. Hintergründe und Motive der handelnden Personen entwickeln sich nach und nach in den Gesprächen, auch Gesellschaftskritik und die in dieser Zeit aufkommende Psychoanalyse finden ihren Niederschlag, was vor allem für die Hauptperson Dr. Deruga gilt. Er scheint ein Zerrissener zu sein, einer, dem Konventionen zuwider sind, der aufbrausend und dann wieder gutherzig daherkommt. Als Italiener in deutschem Lande begegnen ihm manche Vorurteile. Heute würde man vielleicht sagen, ein rauhe Schale mit weichem Kern, einer der sich gegen alle Etikette immer wieder Luft machen muss. Wie auch immer: Gegen Ende der Geschichte, nach all dem Psychologiseren stellt Justizrat Fein auf jeden Fall fest
Es handle sich aber nicht hier darum, die Geschichte seiner Seele zu erforschen, sondern die Geschichte seines Lebens vom 1. bis zum 3. Oktober festzustellen. (S. 158)
Denn es muss ja ein Mord aufgeklärt werden. Der Erzählstil ist durchaus abwechslungsreich. So scheut sich Huch nicht, sprechende Namen zu benutzen
Sie heißen Rosine Schmid geborene Vogelfrei, sind Hauptmannsgattin und vierundvierzig Jahre alt? (S. 41)
oder trockenen Humor walten zu lassen.
Die Baronin küßte Mingo auf die Stirn und sagte: »Süßliche Augen, gut, daß die Brille davor ist.« (S. 171)
Solche Passagen und ein insgesamt souverän daherkommender Erzählstil machen diese Erzählung zu einem Lesevergnügen. Ein paar Einschränkungen sind jedoch zu machen: Der Roman ist nicht frei von stereotypen Figuren, vor allem bei den Frauen widerfährt das der Autorin hier und da. Und nicht jeder Dialog gelingt ohne eine gewisse kitschige Süßlichkeit. Das fällt auf, weil der Roman in weiten Teilen davon keinen Gebrauch macht. Zwei Dinge noch, die ohne den Fortgang des Romans zu verraten, nicht zu besprechen sind. Die Leserinnen und Leser, die sich vom Ausgang der Geschichte, der allerdings ohnehin recht bald zu erahnen ist, überraschen lassen wollen, lesen ab hier bitte nicht weiter.
Dr. Deruga ist schuldig und nicht schuldig zugleich. Er hat seiner Ex-Frau Sterbehilfe geleistet und kommt am Ende straffrei davon. Dieses Urteil ist nicht konsequent. Es wird im Roman auch thematisiert, dass er eine geringe Strafe für seine Sterbehilfe zu erwarten hätte, er bleibt dann aber letztlich straffrei aufgrund seines guten Charakters, über den sich dann alle einig sind. Auch wird gegen Ende des Romans überflüssigerweise noch eine Liebesgeschichte angepappt. Frau Huch hat hier wohl für das Publikum geschrieben, der Roman sollte ja was einbringen. Immerhin geht am Ende Dr. Deruga seiner Wege, denn er weiß, dass er auf seine Art nicht beziehungsfähig ist. Und da erinnert er mich plötzlich an die Helden eines Schriftstellers aus Bargfeld.
›Der Fall Deruga‹ ist gewiss kein perfekter Roman oder Kriminalroman, aber ich habe ihn mit nicht geringem Vergnügen gelesen und manche Schwächen verziehen, weil er neben Kitsch und Nachlässigkeiten hier und da, eine interessante Geschichte erzählt, in weiten Teilen erzählerische Eigenständigkeit zeigt und auch als Zeitdokument seinen Wert hat. ›Der Fall Deruga‹ ist auch heute noch lesenswert, wie ich finde.
Ich habe in einer Ausgabe der ›Süddeutschen Bibliothek‹ gelesen (Band 82, 2007). Der Text geht nach der Ausgabe des Insel-Verlags. Man kann das Buch bei seinem lokalen Buchhändler auch heute noch als Insel Taschenbuch bestellen. Auf der Seite von Mobilread Wiki gibt es 13(!) Bücher von Ricarda Huch frei und legal als E-Books herunterzuladen. Da ›brucewelch‹ diese Bücher, die teilweise heute nur noch schwer zu finden sind, erstellt hat, kann man sich der Qualität der E-Books sicher sein.
