A. d. Engl. v. Conny Lösch. Kunstmann, München. 303 S., ISBN 978-3-88897-967-5, auch als eBook erhältlich

Ein mit privaten Datenansammlungen vollgepropfter Laptop gibt plötzlich seinen Geist auf und verirrt sich anschließend auf dem Weg in die Reparaturwerkstatt in den Irrgängen des deutschen Postwesens. Wo sind die Daten geblieben? Wer ist in deren Besitz? Wird die Besitzerin je ihren portablen Rechner wiedersehen? Dieses Szenario hat mit einem Kriminalroman des schottischen Autors William McIlvanney natürlich nichts zu tun: Laidlaw spielt im Glasgow der 1970er Jahren. Aber es beschreibt meine Situation just zu dem Zeitpunkt, an dem ich mit der Rezension über Laidlaw beginnen wollte. Nach drei zu Teilen recht verzweifelten Wochen tippe ich wieder glücklich auf meinem Mac und auch wenn die Lektüre von McIlvanneys Laidlaw schon ein wenig her ist: Der Roman ist einfach zu gut, als daß er hier nicht wenigstens kurz Erwähnung finden sollte.

Kiepenheuer & Witsch, 2015, 384 S., ISBN: 978-3-462-04666-3, auch als eBook erhältlich.

Wir hören sie laufend: Schreckensmeldungen, Skandale, Katastrophen …. Und wir können und wollen kaum noch darauf reagieren. Es reicht für ein paar Diskussionen im Bus, am Arbeitsplatz oder am Stammtisch. In die Tiefe gegangen, nach dem Gründen für irgendeinen Missstand gesucht wird kaum, denn die nächste Sensationsmeldung ist schon im Anmarsch und die Tatsachen werden nach dem ersten Bohei aus den Augen verloren, sollten sie selbiges überhaupt erreicht haben. Die Halbwertszeiten für Skandale werden immer kürzer und richten sich nach ihren medialen Verwertbarkeiten, nicht nach ihren Folgen und Ausmaßen. Die Tatsachen selbst und die Schlussfolgerungen, die aus diesen gezogen werden müssten, interessieren kaum. Allenfalls eine Zweiminuten-Nachricht in der Tagesschau: Zschäpe will aussagen, sagt dann nichts, Frisur, Mimik, allgemeine Empörung, fertig. Der Nächste bitte.

Die offiziellen Stellungnahmen des DFB, aber auch die unsägliche Fernsehberichterstattung rund um die Ereignisse in Paris und Hannover haben mich so genervt, daß ich hier ausnahmsweise einen sehr guten Kommentar zum Thema in „11 Freunde“ verlinken werde. http://m.11freunde.de/artikel/wie-ungelenk-der-deutsche-fussball-reagiert

Heyne, 2014, ISBN 978-3-453-31560-0, 624 S., auch als eBook erhältlich

Um die abgedrehte Handlung dieses futuristisch-wissenschaftlichen Thrillers zu umreißen, bemühe ich den Verlagstext: „Die nahe Zukunft: Die Nano-Droge Nexus ermöglicht es den Menschen, die Grenzen der eigenen Wahrnehmung zu überschreiten und mit dem Bewusstsein anderer in Verbindung zu treten – ein gewaltiger Schritt in der Evolution des Menschen. Als jedoch eine Gruppe skrupelloser Wissenschaftler Nexus für ihre eigenen Zwecke missbraucht, zwingt die US-Regierung den jungen Nano-Techniker Kade Lane, sich in die Organisation einzuschleusen, um ihrem Treiben ein Ende zu bereiten. Lane gerät in einen Strudel aus Machtgier, Korruption und Mord …“

Hier ist er nun, mein neuer Blog. Nach einigen Stunden Arbeit, ein wenig Schweiß und Zitterei, ein paar Flüchen auch ist alles soweit fertig: Ich kann mein neues Wohnzimmer, meinen neuen Blog präsentieren. Bis auf die Follower (bitte nochmal abonnieren) und die Statistiken konnte ich alles aus dem alten Blog auf WordPress.com übernehmen.

Ich hoffe, daß Euch mein neuer Blog gefällt, und wünsche Euch und mir viel Vergnügen!

Wolken und Licht

Gustave Doré - Sturz des Satans

Bekanntlich wurde der große Ödön von Horváth 1938 in Paris von einem Ast erschlagen. Als ich heute aus manchen Gründen sehr spät, es war nach drei, meinen Mittagspausenspaziergang antrat, mußte ich an das Schicksal des verehrten Autors denken. Es hatte sehr zu winden angefangen, fast schon ein Sturm, und auf der Anhöhe ging es durch ein kleines Waldstück. Ich hatte so meine Bedenken, ob mein Tun wirklich vernünftig sei. Auf dem Rückweg aber wurde ich für meinen Mut belohnt: Diese Wolken, dieses Licht! Ich erinnerte mich, wie ich als Kind vor der riesigen Hausbibel lag und stundenlang die Illustrationen von Gustave Doré betrachtete. Erschienen ist mir übrigens des Weiteren niemand, auch kein Satan, der aus den Wolken stürzte … das war dann auch gut so.

Moorsee bei Lübbecke
(Foto von Peter Murmann)

Der Knabe im Moor

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! nur immer im Lauf,
Voran, als woll‘ es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
»Ho, ho, meine arme Seele!«
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär‘ nicht Schutzengel in seiner Näh‘,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide!

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Moor bei Lübbecke
(Foto von Peter Murmann)

Wo die Naab in die Donau
Es ist fast sieben geworden, nach Feierabend, Heimfahrt und Wochenendeinkauf. Draußen hat es noch 25 °C. Egal, es wird dieses Wochenende nicht mehr kühler. Also Walkingstöcke in die Hände nehmen und los geht es. Gegen acht, kurz vor der Umkehr und nahe der Stelle, wo die Naab bei Mariaort in die Donau mündet, dieses Bild voller Abendstimmung. Auf dem Rückweg kommt die Dunkelheit schnell.

Antiquarisch, als eBook oder als PDF-Download erhältlich. 379 Seiten in der Braunschweiger Ausgabe, Band 8.

Ich lese gern und immer wieder Romane von Wilhelm Raabe (1831-1910). Ich mag die scheinbare Behaglichkeit, hinter der jederzeit eine Katastrophe lauern mag, diese etwas umständliche, manchmal an Jean Paul erinnernde Erzählweise, deren Handlung aber zielgerichtet vorangetrieben wird. Überhaupt: Raabe zu lesen bedeutet, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben, sowohl was das Erzählte, als auch die literarische Form angeht. Hier sind entschleunigtes Lesen und Einlassen auf einen sehr eigenen Erzählstil gefragt, die Belohnung folgt garantiert. Raabe hat sehr viel geschrieben, denn er war ein Berufsschriftsteller. Nicht alles ist gut, vieles aber großartig und wer etwas vom bürgerlichen Leben im Deutschland des 19. Jahrhunderts (Gesellschaftskritik eingeschlossen) wissen will, kommt an Raabe nicht vorbei. „Der Schüdderump“ (1870) ist aus seiner mittleren Periode. Neben dem unsäglichen „Der Hungerpastor“ (1863) und dem interessanten „Abu Telfan“ (1867) stellt „Der Schüdderump“ den Höhepunkt der Stuttgarter Trilogie dar und leitet zu den folgenden großartigen Romanen und Erzählungen der späteren Werke. Vor einer Woche habe ich den Schüdderump ausgelesen und bin noch ganz angefüllt von der Lektüre. Und da es draußen unerträglich schwül und heiß ist und die Hausarbeit auch nicht übermäßig lockt, sollen ein paar Zeilen über diesen wunderbar-traurigen Roman aufgeschrieben werden.