Norbert Horst: Splitter im Auge

SPLITTER IM AUGE
Goldmann Verlag, 352 Seiten, ISBN 978-3-442-47546-9

Ich habe keine Ahnung, wie der Autor das gemacht hat: einen gewöhnlichen Kriminalroman, mit einem gewöhnlichen Plot geschrieben und doch etwas Besonderes geschaffen zu haben. Es muß mit den häufig wechselnden Erzählebenen und Perspektiven zu tun haben, denn der Plot selbst kommt eher konventionell daher …

Steiger, ein müde gewordener Ermittler der Kripo in Dortmund (und Schalke-Fan! das Leben kann hart zu einem sein),  läßt ein kürzlich abgeschlossener Fall nicht in Ruhe und gegen die Weisungen seiner Vorgesetzten geht er den Spuren erneut nach. Eine Entführung, der Tod seines Vaters, der Unerwartetes mit sich bringt, der nervtötende Polizeialltag, eine ehrgeizige  Kollegin an seiner Seite, dazu die tragische Geschichte eines Bruderpaares …. viele Stränge und Ebenen sind es, die in diesen fast 350 Seiten zusammenlaufen. Und es paßt! Die Figuren sind lebensecht (lediglich das Bruderpaar hätte ich mir noch ein wenig deutlicher gezeichnet gewünscht), die Konflikte hart und aus dem Leben, auf weinerliche Betroffenheit wird verzichtet. Der Showdown rasant, wenn auch klassisch und ohne wirkliche Überraschung.

Ich weiß immer noch nicht, wie er das gemacht hat, und ich muß es ja auch nicht wissen. Aber ich kann Splitter im Auge von Norbert Horst nur wärmstens empfehlen.

TARDI-MANCHETTE: Im Visier

IM VISIER
Edition Moderne, 106 Seiten, ISBN 978-3-03731-085-4

Es ist spätabends, der Fernseher bleibt aus. Ich liege auf der Couch. Nippe gelegentlich am Glas Rotwein. Vor meinen Augen geht Martin Terrier seiner Arbeit nach. Er ist ein Berufskiller. Auf den ersten Seiten tötet er zwei Menschen in Liverpool, zurück in Paris lenkt er seinen Citroen durch die nächtliche Metropole. Er will aufhören, hat genug, will den Rest seiner Tage mit seiner Jugendliebe Alice verbringen. Doch das ist nicht so einfach, denn seinem Auftraggeber Mr. Cox paßt das gar nicht… es gibt eine Menge Probleme.

„Im Visier“ ist ein Thriller von Jean-Patrick Manchette. Gezeichnet hat ihn Jaques Tardi (120, Rue De La Gare [nach Malet], Elender Krieg [nach Verney], Der Dämon im Eis, Adeles ungewöhnliche Abenteuer). Tardi macht aus seinen Vorlagen stets etwas eigenes, er verändert nicht, sondern gibt etwas hinzu. Für mich ist er der beste Comiczeichner der Welt (keiner zeichnet das Paris der 1950er Jahre wie er). „Im Visier“ ist brutal, schnell, lakonisch, gnadenlos, mit den Bildern von Tardi unwiderstehlich.

Artikel in der TAZ über „Im Visier“

Robert Harris: Vaterland

VATERLAND
Heyne Verlag, 384 Seiten, ISBN 978-3-453-07205-3

Dem letzten Kapitel seines 1992 erschienen Romans Vaterland (engl.: Fatherland) stellt Robert Harris ein Zitat aus Primo Levis „Die Atempause“ voran. Levi läßt einen SS-Offizier Folgendes sagen: „Wie immer dieser Krieg auch enden mag, wir haben den Krieg gegen euch gewonnen; von euch wird niemand übrigbleiben, um Zeugnis abzulegen, aber selbst wenn jemand übrigbleiben sollte, würde die Welt ihm nicht glauben. Es wird vielleicht Verdacht geben, Diskussionen, Untersuchungen von Historikern, aber es wird keine Gewißheit geben, denn wir werden die Beweise zusammen mit euch zerstören. Und selbst wenn einige Beweise übrigbleiben und einige von euch überleben sollten, werden die Leute doch sagen, daß die Vorgänge, die ihr beschreibt, viel zu monströs sind, um glaubhaft zu sein: Sie werden sagen, daß das Übertreibungen der alliierten Propaganda sind, und uns glauben, die wir alles abstreiten werden, und nicht euch. Wir werden die Geschichte der Lager diktieren!“ „Robert Harris: Vaterland“ weiterlesen

Louisiana Red ist tot – R.I.P.

Louisiana Red * 23.o3.1932 in Bessemer, Alabama † 25.02.2012 in Hannover.   Ich habe Red Ende der Siebziger das erste Mal in einer Kneipe in Braunschweig gesehen und gehört. In meinem Flur hängt seit dieser Zeit ein Plattencover mit seinem Schriftzug: „Best Wishes from Louisiana“. Ein schönes Stück Erinnerung an einen wunderbaren Bluesman.

Craig Thompson: Habibi

HABIBI
Reprodukt, 672 Seiten, ISBN 978-3-941099-50-0

In dieser 2011 erschienenen Graphic Novel des Amerikaners Craig Thompson (sein „Blankets“ erhielt 2005 auf der Frankfurter Buchmesse den Preis als bestes Comic des Jahres) wird eine Geschichte wie aus Tausendundeiner Nacht erzählt, eine moderne Odyssee, eine islamische (und zugleich biblische) Mythologie in Bildern … eine Huldigung der Kalligraphie, des gesprochenen und geschriebenen Wortes und ein leidenschaftliches Plädoyer für die Liebe. Die 660 Seiten von Habibi (zu übersetzten mit „mein Geliebter“) bieten das alles und noch vieles mehr … ein ganz und gar wunderbar-wunderliches Buch.

„Craig Thompson: Habibi“ weiterlesen

Monica Dupont – The Big German

 

Im Hamburger Stadtteil Barmbeck wurde 1903 das erste moderne Warenhaus von den Gebrüdern Heilbuth eröffnet. 45 Jahre später kam Monica Heilbuth in Göteborg zur Welt. Ihre Mutter war vor den Nazis nach Schweden geflohen. 1950 besuchten sie gemeinsam Hamburg. Monica erinnert sich: „No matter how old I get, I will never forget the devastation all around me as a child, it was 1950 when we returned there.“ 1955 überquerte sie den großen Teich: Monica Heilbuth, verheiratete Dupont.

Monica Dupont ist Gitarristin, Bluessängerin und Songwriterin. Ihre erste Aufnahme machte sie 1961, unzählige Auftritte mit den namenhaftesten Musikern folgten, bis sie 1983 krankheitsbedingt ihre Musikerinnenkarriere an den Nagel hängen mußte. Das Comeback dann 2008 mit dem All-Star-Album „Life Goes On“ (Modernblues Production, mit Ron Thompson, Wolfie Witcher, Mitch Woods, Microwave Dave Mark, Hummel, Bobbie Webb, Blaine Hoopes, Kenneth Nash, Jimi James, Bobby Young, Buzzy Linhart und anderen). Diese CD war meine erste Begegnung mit Monica. Mein Lieblings J.B. Hutto Stück „Too Much Alcohol“ ist und war der Opener, sowohl bei ihren Gigs als auch auf ihrer Comeback-CD, und ihre Interpretation haute mich direkt um, denn sie zeugt auf ganz besonderer Art und Weise von ihrer intensiven Freundschaft mit diesem großartigen Bluesmusiker. Sie bleibt aus Liebe und Respekt nah am Original („This one is for you J.B.“) und schafft doch etwas ganz und gar Eigenes. Es ist nicht ihre für eine Frau ungewöhnliche Stimmlage -sie singt Bariton, Sopran ist für sie zu hoch (ihrer Mutter, die die kleine Monica wegen ihrer Stimme zum Arzt schleifte, mußte sie versprechen, niemals öffentlich zu singen!)-, sondern es ist ihre Art diesen Songs Leben einzuhauchen, was mich schon nach wenigen Takten so fasziniert und begeistert hat. Das ist echt, kein als-ob … Monica Dupont hat den Blues, hat eine Stimme und unglaublich viel Talent. Jeder ihrer Songs ist erste Qualität und ohne jede Künstlichkeit, die Zusammenstellung der Songs äußerst abwechslungsreich und spannend . Mehr geht nicht! Sie hat zu recht eine große Fangemeinde, ob auf Myspace oder Reverbnation. Monica Dupont hat den Blues und sie kämpft ….

Monica, ich bin so froh Dich zu kennen, persönlich und als Musikerin. Du bist mir eine wahre Inspiration. „Hummel, Hummel!“

Sowohl „Life Goes On“ als auch die wunderbare Wiederauflage ihrer älteren Aufnahmen „Early Eighties (Redux)“ sind ohne Schwierigkeiten unter anderem als MP3 Download zu erwerben.

Hier einige Links zum Reinschnuppern:
http://www.reverbnation.com/monicadupont
http://www.myspace.com/monicadupont
http://www.youtube.com/monicadupont
http://www.modernbluesrecords.com

(Dies ist eine Kopie meines Artikels für rockblogbluesspot.com)

Nicolas Mahler: Alte Meister (nach einem Roman von Thomas Bernhard)

ALTE MEISTER
Suhrkamp Verlag, 158 Seiten, ISBN 978-3-518-46293-5

Waren Asterix und Obelix und später Hergés Tim und Struppi die Comic-Helden meiner Kindheit und Jugend (und grad Hergés Zeichnungen liebe und bewundere ich heute noch mehr), so wurde ich von Jaques Tardi in die Welt der Graphic Novel eingeführt. Sein Nester Burma ist der fleischgewordene Held aus den Geheimnissen von Paris von Leo Malet (und nicht der Burma dieser unsäglichen Fernsehreihe, die mit der Atmosphäre der Malet Krimis nichts gemein hat). Seit ich Tardi kenne interessieren mich Graphic Novels. „Nicolas Mahler: Alte Meister (nach einem Roman von Thomas Bernhard)“ weiterlesen

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

VOM ENDE EINER GESCHICHTE
Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, ISBN 978-3-462-04433-1

Vorgestern habe ich den neuen und vielgerühmten Roman Vom Ende einer Geschichte von Julian Barnes zu Ende gelesen. Aufmerksam wurde ich auf das Buch, weil es in allen Kulturmedien besprochen wurde, schließlich erhielt Barnes für diesen Roman den Booker Price. Von Julian Barnes kannte ich bisher Flauberts Papagei und die Kavanagh Krimis.

Zum Inhalt des aktuellen Buches:
Tony Webster ist Rentner, hat eine erfolgreiche Berufskarriere und eine Ehe (gütliche Trennung) hinter sich. Er erinnert sich 40 Jahre zurück, an seine Schulzeit und an den Tag, als Finn Adrian seiner Clique beitrat. Er war der mit Abstand intelligenteste von den vieren. Sex und Bücher, das waren die Themen der Freunde, sie probierten sich als moderne Dandys und diskutierten philosophische Fragen. Einen Bruch gab es, als Finn Tony die Freundin ausspann. Später aber geschah ein noch viel tieferer Einschnitt: Finn Adrian nahm sich das Leben. Der Grund hierfür blieb im Dunkeln. So erinnert sich Webster an seine Schulzeit bis er eines Tages ein Teil des Tagebuches Finn Adrians erhält. Und seine Erinnerung erweist sich nun als durchaus trügerisch… „Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte“ weiterlesen

Die gute Nachricht zu Weihnachten ..

„Ihr Völker der Welt … schaut auf diese Stadt!“

… und es gibt sie doch, die gute Nachricht zu Weihnachten. Am Heilig Abend raffen sich 6.500 Bielefelder nicht zum Weihnachtseinkauf auf, sondern zur Demonstration gegen diese unverschämte rechte Meute. Chapeau Bielefeld!