Fran Ross: Oreo

dtv, München 2019, ISBN 9783423281973, 288 Seiten. Deutsche Erstausgabe, mit einem Nachwort von Max Czollek, aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann. Auch als E-Book erhältlich.

Nun aber flott, denn ein Buch hätten wir noch für dieses Jahr. Fran Ross wurde 1935 in Philadelphia/USA geboren. Sie war, wie ihre Romanheldin Christine ›Oreo‹ Clark, die Tochter eines jüdischen Vaters und einer afroamerikanischen Mutter. Sie arbeitete als Journalistin und Korrekturleserin, veröffentliche 1974 ihren einzigen Roman ›Oreo‹, der seinerzeit Zeit kaum Aufmerksamkeit erlangte. Mit grad 50 Jahren verstarb Fran Ross 1985 an Krebs. Dieser Roman wurde im Jahr 2000 in Amerika mit großem Erfolg neu aufgelegt und liegt seit 2019 auch im deutschsprachigen Raum in großartiger Übersetzung von Pieke Biermann vor. Die Übertragung ins Deutsche war sicher kein Kinderspiel, denn die Autorin mischte in ›Oreo‹ Jiddisch mit Südstaaten-Slang und Fantasiesprache, griechische Theseus Sage mit abgedrehter, absurder Handlung, politisches Statement mit Trash. Der Romanheldin Lebensmotto kann man folgerichtig lesen als »Nemo me impune lacessit«, als »Niemand reizt mich ungestraft«, als »Mir saacht kein Nigger nich, was ich zu tun und zu lassen hab!«. Was ein irres Buch, ein Höhepunkt meines Lesejahres 2019.

Im ersten Teil des Buches, genannt ›Troizen‹ werden die Lebensumstände der Heldin geklärt: Der Großvater mütterlicherseits erstarrt zum halben Hakenkreuz, die Großmutter väterlicherseits stirbt gar an einem Infarkt als sie von der jüdisch-afroamerikanischen Verbindung erfahren. Christine Clark wächst bei der Großmutter mütterlicherseits mit ihrem jüngeren Bruder Jimmie C. auf. Am Ende des ersten Teils, nach etwa 100 Seiten, wird sie Troizen/Philadelphia in Richtung New York verlassen. (Und wer sich jetzt fragt, warum ›Troizen‹: Das ist der sagenhafte Geburtsort Theseus, nach dessen Heldengeschichten sich auch die Geschehnisse in ›Oreo‹ ausrichten.) Die Heldin verabschiedet sich folgerichtig von ihren Lehrern und ausgerüstet mit einem gigantischen großmütterlichen Freßpaket, einem Wanderstock, der Kampfsportart WITZ und einer großen Portion Selbstbewußtsein geht es in die Metropole NY, um dem Geheimnis ihrer Geburt auf den Grund zu gehen. Sie hat ihren jüdischen Vater, Samuel Schwartze(!), bisher nicht gesehen und wird Aufgaben zu lösen haben, um ihn zu finden und zu befragen.

Im etwas umfangreicheren zweiten Teil ›Mäandern‹ besteht Oreo, die Superheldin mit Sinn für Statistiken, dank Klugheit und Schlagkraft die irrwitzigsten Abenteuer (weiterhin frei nach der Theseus-Sage), um am Ende tatsächlich den Vater aufzuspüren. Das Ganze wird geradezu besoffen von Sprache, Anspielungen und Verweisen erzählt. (Und erneut muss hier der Übersetzerin Pieke Biermann gehuldigt werden, die dieses Trunkensein an Ausdrucksmöglichkeiten so perfekt Lesern und Leserinnen in deutscher Sprache präsentiert.) Was ein Ritt und vielleicht sollte man sich gar nicht mit zu viel Nachschlagen aufhalten: Das Buch enthält am Schluß dankenswerterweise Glossars über wichtige jiddische Wörter, über amerikanische Zeitbezüge, Verbindungen zur Theseussage, etc. Ich habe nach holprigen Beginn angefangen, langsam und konzentriert und ohne viel Nachschlagen zu lesen und konnte der Handlung ohne größere Schwierigkeiten folgen. Bei einer zweiten Lesung wäre es allerdings interessant, ein paar Anspielungen mehr aufzudecken. Aber auch bei der Erstlesung bleibt das Ganze ein Riesenspaß. Kenntnisse über Rassen- und Geschlechterfragen und andere Gewissheiten werden permanent ad absurdum geführt. ›Oreo‹ ist ungemeines kluges wie mutmachendes und witziges Buch. Mal glaubt man sich im ›Ulysses‹, dann wieder in ›Die fabelhafte Welt der Amélie‹, Boris Vian kam mir während der Lektüre in den Sinn oder ›Zazie in der Metro‹. Fran Ross hat mit ›Oreo‹ viel gewagt, wie schade, dass dieser Mut erst jetzt, so lange nach ihrem frühen Tod belohnt wird. Heutige Leser und Leserinnen dürfen sich freuen.

Abgeschlossen wird diese Ausgabe mit einem kurzen Nachwort von Max Czollek, der ›Oreo‹ in einen zeitgeschichtlichen und literarischen Kontext stellt. Wer genauer wissen will, warum die Wiederentdeckung dieses Buch von Fran Ross eine solch große Bedeutung hat, wird hier gut bedient. Ich auf alle Fälle würde empfehlen, wenn noch nicht geschehen, ›Oreo‹ von Fran Ross ganz oben auf den Lesestapel für 2020 zu platzieren. In diesem Sinne: Ein gutes neues Jahr allen Lesern und Leserinnen dieses Blogs. Bleibt gesund, munter und lesefreudig!

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