Theodor Fontane: Effi Briest

Aufbau Verlag 1998 (2. Aufl. 2018), Große Brandenburger Ausgabe, Das erzählerischer Werk, Band 15, 536 S., ISBN: 978-3-351-03127-5 

›Effi Briest‹ von Fontane also: Wir hätten da eine arrangierte Ehe Ende des 19. Jahrhunderts zwischen der 17-jährigen Tochter des Ritterschaftsrats von Briest und seiner Frau Luise aus Hohen-Cremmen im Havelland mit dem 20 Jahren älteren Landrat Innstetten aus Kessin in Hinterpommern. »Ich merke das auch; sie sind hier so streng und selbstgerecht. Ich glaube, das ist pommersch.« bemerkt Effi später. Wenige Jahre danach, inzwischen hat der berufliche Aufstieg Innstettens bei Bismarck das Paar mit Kind und Personal nach Berlin ziehen lassen, hat Effi endlich begonnen, sich in ihr Leben einzufinden. Da wird ihr eine läppische Affäre zum Verhängnis. Und nicht nur ihr: Ehrenkodex und gesellschaftliche Konvention zerstören, was langsam zu wachsen schien. Ich habe mich gefragt, was Fontanes berühmtester Roman mir heute sagen kann, und habe das Buch in der ›Grossen Brandenburger Ausgabe‹ im Aufbau-Verlag gelesen.

Die 536 Seiten des Buches sind aufgeteilt in etwa 350 Seiten für den Text (aufgeteilt in 36 Kapiteln) und einem fast 200-seitigen Anhang. Davon sind über 100 Seiten für Anmerkungen vorgesehen. Der Rest behandeln den Stoff, Entstehung, Wirkungsgeschichte und Überlieferung. Es fehlt also an nichts, um den Roman intensiv zu durchdringen, wenn man denn mag. Nötig, um die Handlung zu verstehen, ist dieser Apparat nicht, genutzt habe ich ihn aber schon ab und an mit Gewinn. Es gibt eine große Anzahl an Motiven und Symbolen, die immer wieder neu miteinander verknüpft sind, so dass man, auch ohne ihnen bewusst nachzugehen, die Vielschichtigkeit der Handlung spürt. Das ist sehr reizvoll und macht Lust, wenigstens das ein oder andere Mal, Begriffe oder Begebenheit nachzuschlagen. Der Roman wurde vor weit über 100 Jahren geschrieben und wer wird sich schon zur Einführung eine Bismarck Biographie oder die Geschichte der Preußen zu Gemüte führen wollen? Aber auch ganz ohne nachgeschlagenes Fachwissen kann man den Roman mit Genuss lesen, wenn man ihn aufmerksam liest: Das Rondell vor dem heimatlichen Anwesen zu Beginn und Ende des Buches, der geheimnisvolle Chinese und das Spukhaus, die Schaukel, mit der Effi in den Himmel fliegen mag. Diese und viele andere Motive kehren immer wieder zurück und halten die Handlung zusammen, verweisen aufeinander und schaffen Komplexität.

Der Ton Fontanes ist in diesem Roman einzigartig: Äußerst gelassen trägt der Autor das Drama Lesern und Leserinnen zu. Keine Anklage gegen die Erstarrung des bismarckschen, preußischen, protestantischen, adeligen Gemeinwesens, sondern dessen Beschreibung. Die auftretenden Personen bestreiten viele Dialoge, aber es wird nicht in die Seelen geschaut und so wird reichlich weggelassen (ein Beispiel: Die Geburt Annies, Effis Kind, welches ihr später genommen wird, geschieht nicht wirklich, sondern das Kind ist dann einfach da). Das liest sich manchmal etwas merkwürdig, allerdings bekommt die Geschichte auf diese Weise einen gewissen Drive. Es wird nie, an keiner Stelle langweilig. Und viel Gefühl ist in solchen Gesellschaften eben nicht zu beschreiben. Und was für ein Kontrast als plötzlich Roswitha in die Handlung tritt: Effis späteres Kindermädchen und Vertraute ist aus Fleisch und Blut und sie ist katholisch. 

Spätestens wenn man zu den handelnden Personen kommt, muss man über das reale Vorbild für dieses Buch sprechen: In Preußen duellierte sich 1886 der Offizier von Ardenne mit dem Düsseldorfer Amtsrichter Hartwich. Letzterer hatte eine Affäre mit von Ardennes Frau Elisabeth und hat das Duell nicht überlebt. Elisabeth von Ardenne, geborene von Vlotho wird von ihrem Mann geschieden, die Kinder ihrem Mann zugesprochen. Sie wird in ihrem späteren Leben Krankenschwestern und stirbt 1952 nach einem erfüllten Leben in hohem Alter. Es stimmen Zeit, preußisch-adlige Umgebung und grob die Konstellation ›Ehe, entdeckte Affäre, Duell‹ mit der Handlung des Romans überein. Schon bei der Affäre wird es allerdings schwierig: Der ›Damenmann‹ Crampas im Roman versucht, eine solche mit Effi zu beginnen, und es gibt ja auch die Briefe, die Innstetten Jahre später, als die Liaison längst vorbei ist, findet. Aber war es denn überhaupt eine Liaison, eine Affäre? Was genau passiert ist, wissen wir nicht, denn es wird nicht erzählt. Für Innstetten aber ist das eh nicht relevant. Er weiß ob der Lächerlichkeit des Ehrenkodex, folgt ihm aber und fordert das Duell. Ein Schuft ist er, weil er die Jahre sich einzig um seine Karriere gekümmert hat und seine überforderte junge Frau erziehen will, statt mit ihr zu leben. Was das Duell betrifft, so ist er ein Idiot, der weiß, dass er ein Idiot ist. Und Effi? Das Befremdliche an ihr ist, dass sie zwar in gewissem Sinne reift, aber doch bis zu ihrem frühen Tod mit etwa 30 Jahren eigentlich doch ein Kind bleibt. Nun bin ich gegen Sentimentalitäten einigermaßen wehrlos und auch am Schluss der Lektüre von ›Effi Briest‹ flossen ein paar Tränen, trotzdem blieb mir grad die Figur der Effi Briest seltsam fremd. Entscheidungen werden für die Zeit nicht untypisch für sie getroffen. Sie träumt von einem Märchenprinz, später von der tatsächlich eintretenden Karriere ihres Mannes. In der Wirklichkeit hat sie Angst vor dem so viel älteren Innstetten (instead of), der in jungen Jahren um ihre Mutter geworben hatte. Wenn sie von Crampas hofiert wird, fühlt sie sich geschmeichelt, weil scheinbar endlich wahrgenommen, aber verliebt ist sie nicht. Effi Briest handelt nicht, sondern lässt geschehen. Gegen Schluss verzeiht sie Innstetten und der todkranke Luftmensch Effi will noch einmal die frische Abendbrise atmen und setzt sich in ihrer letzten Nacht an das geöffnete Fenster. 

Ich war bei der Lektüre sehr beeindruckt von der Erzählkunst Fontanes in ›Effi Briest‹. Die Konzeption ist stimmig, in sich geschlossen, die Bilder großartig, ein Buch, das einlädt zum Dechiffrieren der vielen versteckten Hinweise auf Literatur und Geschichte. ›Effi Briest‹ ist ohne Zweifel ein Meisterwerk des ausgehenden 19. Jahrhundert. Preußischer Adel und seine alltäglichen Sorgen sind nicht das, was mich unbedingt interessiert, und so drängt es mich nicht, eine Fontane-Kennerin zu werden. Doch ›Effi Briest‹ muss man gelesen haben.

6 Kommentare on "Theodor Fontane: Effi Briest"


  1. Danke für die gute Rezension. Wir haben gerade „ Irrungen, Wirrungen“ von Fontane in meinem Lesekreis diskutiert. Ich war nicht nur wieder begeistert von der Sprache Fontanes und seiner Dialogführung, sondern auch davon, wie kunstvoll der Roman gearbeitet ist. Es gibt unzählige Doppelmotive, Symbole usw. , die es zu entdecken gilt. Fontane erzählt darin nicht nur von der unstandesgemäßen Liebe zwischen einem adeligen Offizier und einer einfachen Schneiderin. Im zweiten Teil des Romans beschreibt er, wie es sich weiterleben lässt , wenn man auf die Liebe verzichtet. Lohnt sich ebenfalls zu lesen.

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    1. Dass ich ›Irrungen, Wirrungen‹ gelesen habe, ist so lange her, dass ich nicht mehr viel davon weiß. Aber es ist wahr: Das Arbeiten mit Motiven und Symbolen ist die große Stärke der besten Romane Fontanes. Vielen Dank für Lob und Empfehlung.

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  2. Schon lange her, dass ich „Effi Bries“ las, aber meine Eindrücke waren wohl ähnliche wie Deine: Die Gelassenheit, mit der Fontane schrieb, das beinahe bedächtige Fortschreiten der Geschichte, aber auch, dass ich mit der Hauptfigur nicht so recht warm wurde. Später hat mir erstmal die Fassbender-Verfilmung die Lust auf ein Wiederlesen verdorben. Vielleicht kommt es ja mal wieder, mein Fontane-Jahr. Bei meiner Reihe „Mein Klassiker“ mit Gastautoren war die Effi natürlich auch dabei: https://saetzeundschaetze.com/2016/11/26/meinklassiker-effi-briest-fontane/

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    1. Danke für Deinen Kommentar Birgit. Habe ja auch diesen und jenen Fontane schon gelesen und jetzt nach langer Zeit wieder. Ich war ein wenig überrascht wie sehr mich der Roman als Roman überzeugen konnte, die Figuren darinnen aber nicht wirklich. Und wie ich sehe: Bin nicht die einzige, der es so geht.

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  3. Nun ja. Effi. Ein Deutsch-Trauma aus Schulzeiten. Pflichtliteratur. Gäääääähn. Ich war 17 als ich es lesen musste und ich war der Belesenste in der Klasse, der obendrein VIIIIEL antiquarischen Kram mochte. Ich fand es extrem öde. Zumal unsere Lehrerin da nun herumschwärmte ohne selber irgendwelchen Kontext zu kennen. „Fontaaaane! Die Spraaaache! Die Schaukel!“ … War damals so. Goethe und Fontane – auf unantastbarem Sockel.

    Vielleicht überwinde ich mich in der Rente und versuche es nochmal mit diesem sich dahinquälenden Schmöker.

    Aber: Neulich im Neustrelitzer Theater: „Briest“ eine Adaption auf der Bühne. Spitzenmäßig! Plötzlich funktionierte die Handlung, die Fontane von seinen Figuren zerreden und zerdenken lässt.

    Habe inzwischen durch viel Fontane „durch“ müssen und so dazugelernt: Birnbaum, Schach von Wuthenow, Jenny Treibel, Mathilde Möhring, Grafschaft Ruppin – alles irgentwie interessanter als Effi. Aber ich war ja inzwischen auch älter.

    Sein heute so vergessener Konkurrent und Freund Friedrich Spielhagen schuf die besseren Frauengestalten. Allerdings nicht in seiner Variante der Ardenne-Affäire. „Zum Zeitvertreib“ von Spielhagen gehört mMn zu den 3 oder 4 schwachen von 22 Romanen. ER gratulierte Fontane sogar zu DIESEM Werk.

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    1. Ja, der Spielhagen wird im Anhang dieser Ausgabe ausdrücklich erwähnt. Hat mich natürlich gleich an den Artikel in Deinem Blog erinnert. Und daran, dass ich längst was von ihm gelesen haben wollte. Danke für die Erinnerung.

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