Gabriele Tergit: Effingers

Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2019, 900 Seiten, ISBN 9783895614934

Wer sich für Literatur interessiert und die einschlägigen Sendungen und Feuilletons zum Thema verfolgt, dem wird nicht entgangen sein, dass es in diesem Jahr eine bemerkenswerte Wiederentdeckung zu bejubeln gab. Dem jüdischen Leben in Berlin, das die Nazis ausgelöscht haben, würde ein Denkmal gesetzt werden, wir hätten hier die jüdische Buddenbrooks zu feiern, usw., usw. Der 1951 erschiene Riesenroman der 1894 in Berlin geborenen und 1982 in London gestorbenen Schriftstellerin und Journalistin Gabriele Tergit, die für ihre Gerichtsreportagen bekannt war, wurde dieses Jahr regelrecht abgefeiert. »Effingers« ist ein Panorama der besseren Gesellschaft in Berlin über 4 Generation, von 1878 bis zum Holocaust, in 151 Szenen. Gabriele Tergit schrieb an diesem Werk und zum Teil unter großen Schwierigkeiten von 1933 bis 1950. Zeit ihres Lebens blieb der Erfolg aus, jetzt scheint er da zu sein. Auch ich habe die 900 Seiten gelesen und bin beeindruckt.

Die Familie des Berliner Bankiers Markus Goldschmidt, Emmanuel Oppner, Revolutionär von 1848 und später ebenfalls Bankier in Berlin, mit seiner bemerkenswerten Frau Selma und schließlich die Effingers, Nachkommen des Uhrmacher Matthias Effinger und seiner Frau Minna aus der fiktiven Provinzstadt Kragsheim: Das ist im Wesentlichen das Personal des Romans und wer wie ich so seine Schwierigkeiten mit dem Merken von Personennamen und Verwandtschaftsverhältnissen hat, wird dankbar sein, dass am Ende des Buches ein Stammbaum die Orientierung erleichtert. Das Milieu, in dem der Roman spielt, ist eindeutig jenes der besseren Gesellschaft, ohne dass die unteren Schichten gänzlich ausgeblendet wären. Der Roman ist in seiner Zeit und die Autorin schaut genau hin: Firmengründungen und gesellschaftliche Umbrüche, Frauenemanzipation im Alltag, Fragen zur jüdischen Assimilierung (kann man ein jüdischer Preuße sein?), politische und wirtschaftliche Krisen, Auswanderung, alles spiegelt sich innerhalb der Familien und in ihren Mitgliedern wider. Eine wirklich große Stärke dieses Buches. Tergits Stil ist modern, szenisch (es schreit nach Verfilmung) und von ihrer journalistischen Arbeit geprägt. Schon allein dieser Umstand lässt eigentlich wenig an Thomas Manns Buddenbrooks denken. Aber da ist noch ein Unterschied: Wenn auch in diesem Roman die Geschichte eng miteinander verwobenen Familien über mehrere Generationen erzählt wird: die Familien der Effingers und Oppners verfallen nicht, sondern werden am Ende umgebracht. Das ist etwas anderes. So verbietet sich meines Erachtens ein enger Vergleich mit dem Mannschen Klassiker. Was mir noch aufgefallen ist, wäre, dass die Autorin an kaum einer Stelle sentimental wird. Das ganze Drama, die Katastrophe, auf die dieses Buch nach der Gründerzeitgemütlichkeit der ersten Seiten zu läuft, wirkt auf diese Weise umso unfassbarer. 

Blickt man ein wenig mehr hinter die Kulissen, in dem man zum Beispiel das Nachwort von Nicole Henneberg aufmerksam liest, wird einem klar, wie viel eigene Familiengeschichte Gabriele Tergit in diesem großen Roman verarbeitet hat, was für eine Herzensangelegenheit ihr das gewesen sein muss. Umso tragischer, dass ihre Arbeit erst heute die Würdigkeit erfährt, die sie schon zu ihren Lebenszeiten verdient hätte. Aber die Zeiten waren andere. Hierzulande wollte man in den 1950ern und auch danach von der dunklen Zeit möglichst nichts mehr wissen, für die jüdischen Leser und Leserinnen waren die Effingers zu preußisch und nicht die jüdischen Helden, nach denen man sich sehnte. Ein Schicksal, auf das man bei bedeutenden Büchern wie dieses immer wieder trifft.

So hätte ich am Ende nur einen kleinen Einwand, der allerdings mehr meinen persönlichen Lesegewohnheiten geschuldet ist: Die Aufteilung in kurzen szenischen Kapitel hat mich auf 900 Seiten gesehen bei der Lektüre mitunter ein wenig angestrengt. Das aber nimmt keinen Einfluss auf mein Urteil, dass Gabriele Tergits »Effingers« ein großer Roman ist.

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