Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen – Roman aus der Provinz

Hanser 2014, 960 Seiten, ISBN 978-3-446-24614-0, herausgegeben und übersetzt von Melanie Walz. Auch als Taschenbuch bei DTV erhältlich.

Diesen Roman, den wohl schönsten von Honoré de Balzacs, besitze ich in zwei Ausgaben: Als fünftes Buch der zwölfbändigen Edition Die menschliche Komödie, herausgegeben von Ernst Sander. In dieser Ausgabe überarbeitete Ernst Sander die klassische Übertragung von Hedwig Lachmann (1865-1918). Und dann die gefeierte Neuübersetzung von Melanie Walz, die zugleich Herausgeberin der Ausgabe von 2014 ist. Eine wirklich exzellente Edition mit vorzüglichem Anmerkungsapparat. Im Dünndruck und mit zwei Lesebändchen ausgestattet, wenn man sich für die gebundene Ausgabe bei Hanser entscheidet. Ich habe also Verlorene Illusionen erneut gelesen, das erste Mal in der Übersetzung von Melanie Walz. Verlorene Illusionen erschien ursprünglich in drei Teilen, Die zwei Dichter 1837, Ein großer Mann vom Land in Paris 1839 und Die Leiden des Erfinders 1844, und ist Bestandteil des Romanzyklus Die menschliche Komödie und ihr eigentlicher Mittelpunkt.

Was darf man erwarten, wenn man zu Balzac greift? Honoré de Balzac war ein unfassbar produktiver und ruheloser Geist. Balzac hat alles dafür gegeben, mit seinen Romanen berühmt und reich zu werden und sozial aufzusteigen. Wenn er Geld besaß, lebt er üppig, wenn keines auch und der Rest des Tages war mit einem unglaublichen Arbeitspensum und der Flucht vor den zahlreichen Gläubigen ausgefüllt. Balzac war zu seiner Zeit berühmt und hochgeachtet und blieb es bis zum heutigen Tag: kein großer Stilist, aber ein exakter Chronist des Bürgertums der nachnapoleonischen Zeit. »Ich werde eine vollständige Gesellschaft in meinem Kopfe getragen haben« prophezeite Balzac einst. Diese Maxime ist in fast jedem seiner Romane zu erlesen.

Die zwei Dichter

Die zwei Dichter umfasst 180 Seiten und es damit der schmalste der drei Teilromane. Wir befinden uns in der französischen Provinz im nachnapoleonischen Zeitalter 1821, 1822. Da ist zunächst Lucien Chardon aus der südwestfranzösischen Stadt Angoulême. Er ist jung, ein Dichter und er ist ehrgeizig. Die Tür zum Erfolg soll ihm die ansässige landadlige Madame Anaïs de Bargeton öffnen. Seine Zuneigung zu der Dame wird durchaus erwidert, bleibt aber eher platonischer Natur. Den Zugang den höher gestellten Kreisen soll ihm auch das ehemalige Adelsprädikat der Mutter verschaffen. Diese wurde während der Revolution von dem Apotheker Chardon vor dem Schafott gerettet. Lucien Chardon nennt sich also jetzt Lucien de Rubempré. Es kommt im weiteren Verlauf zu Eifersüchteleien, Verleumdungen und sogar einem Duell im Umkreis der Madame de Bargeton. Um der Zerstörung ihres Rufes nicht Vorschub zu leisten, will Madame für einige Zeit nach Paris reisen. Lucien möchte sie unbedingt begleiten, Geld allerdings hat er keines dafür. Selbstlos, trotz dunkler Vorahnungen und obwohl er selbst in existenziellen Schwierigkeiten steckt, leiht ihm der junge Druckereibesitzer David Séchard das notwendige Geld. Dieser ist der Busenfreund Luciens, ein herzensguter Mensch, der in die Schwester Luciens Éve verliebt ist. Beide lieben Bruder und Freund Lucien abgöttisch, fast bis zur Blödheit, denn sie erkennen durchaus dessen luftiges Wesen. David selbst hat die Druckerei seines Vaters übernommen und wurde von diesem dabei sauber übers Ohr gehauen, was die erfolgreiche Existenzgründung eben nicht einfach macht. Der herzensgute Séchard hofft auf eine gewinnbringende Erfindung in der Papierherstellung. Am Ende dieses Romanteils wird sich Lucien nach Paris aufmachen, voller Illusionen oder, wenn man so will, Flausen im Kopf. David und Èves Vorfreude auf ihre Hochzeit ist derweil getrübt von der Sorge um den Bruder und Freund und nicht zuletzt auch ihrer eigenen Existenz.

Ein großer Mann vom Land

Lucien Chardon ist dem Pariser Gesellschafts- und Geschäftsleben in keiner Weise gewachsen: Madame Anaïs de Bargeton weist ihn ab, aus Geldnot heraus versucht er seinen Roman »Der Bogenschütze Karls IX.« auf den Markt zu bringen, ohne irgendetwas über Verhandlungsgeschick zu wissen. Er schließt sich daraufhin den fortschrittlichen Dichterkreisen um Daniel d‘Arthez an, der von Luciens Talent überzeugt ist. Aber schon bald darauf ist er den Versprechungen nach schnellem Geld des Journalisten Lousteau erlegen und versucht sich mit dem Feuilletonschreiben, zu Beginn mit grandiosen Erfolg. Hier lässt er sich auf journalistische Intrigenspiele ein und wechselt in kurzer Zeit die politischen Lager. Seine herzzerreißende Liebe zu der Schauspielerin Coralie endet tragisch, dazu Schulden zu Hauff, die erhoffte Anerkennung seines Adelsprädikats in weiter Ferne und, und, und …. Scheitern auf der ganzen Linie. Am Schluss sieht Lucien den Selbstmord als einzigen Ausweg. Auch das geht schief.

Lucien Chardon ist eine fast schon tragisch-komische Figur zu nenen: Blind vor Ehrgeiz, mit Talent, aber ohne jede Lebenserfahrung im mondänen Paris. Das kann nicht gut gehen. Am Ende kehrt Lucien geschlagen zurück. Er hat charakterliche Schwächen offenbart, Schulden gemacht und am Schluß einen Wechselbetrug zum Nachteil von Freund und Schwester begangen. Das alles wird natürlich nicht folgenlos bleiben.

Die Leiden des Erfinders

In Angoulême arbeitet David Séchard weiter an seiner Erfindung und Ève kümmert sich um die Druckerei. Alle ihre Mühen werden aber torpediert vom Leichtsinn Lucien Chardons. So werden die braven Eheleute leichtes Opfer perfider Intrigen, die Davids Patent zum Ziel haben. Unfassbar wer sich hier auf welcher Weise gegen die kleine Familie verbündet. Gegen Ende des Romans wird sich Lucien für eine hohe Summe an einen Abbé Carlos Herrera, der ihm zuvor den Selbstmord ausgeredet hat, regelrecht verkaufen. Die monitäre Rettungstat Luciens kommt für die Séchards aber zu spät. Sehr überraschend kommt es dann doch noch zu einem versöhnlichen Schlussakkord für die tapfere Familie. Man hat es ihnen aber auch so gegönnt! Und im letzten Satz dieser großen Erzählung verkündet der Autor, dass es mit Lucien in Paris weitergehen wird. Man ahnt nicht Gutes und kann sich in Glanz und Elend der Kurtisanen davon überzeugen.

Mein Fazit

Neben der großen Spannung ist es die Beschreibung des alten Paris Anfang des 19. Jahrhunderts und den gesellschaftlichen Verhältnissen in der Provinz, die den Reiz dieses Romans ausmacht. Das ist in so satten Farben geschildert, dass man gar nicht anders kann, als in diese Zeit einzutauchen. Und dann ist dieser Roman wieder so verblüffend gegenwärtig. Was für ein Buch: Mal theatralisch-rührselig, mal faktisch-aufklärerisch in langen Exkursen über Presse, Justizwesen und soziale Strukturen, dabei nie den Spannungsbogen verlierend. Nein, der großer Stilist ist Balzac vielleicht nicht, aber erzählen kann er wie kein Zweiter. Die Figuren in Verlorene Illusionen sind Gehetzte auf der Suche nach dem schnellen Geld, Reichtum, Ruhm, Titeln oder sie versuchen, irgendwie zu überleben. Das alles zusammen macht diesen Roman so aktuell, so großartig.

Anmerkung:
Zur Vertiefung in das Werk Balzacs möchte ich Honoré de Balzac – Der Geheimagent der Unzufriedenheit von Wofgang Pohrt empfehlen.

2 Gedanken zu „Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen – Roman aus der Provinz“

    1. Vielen lieben Dank für dein Kompliment Rosie! Das freut mich wirklich kolossal! Ja, auch hier scheint noch das Licht der Abendsonne durch meine frisch geputzten Fenster.
      Sei herzlichst gegrüßt,
      lena

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