Wilhelm Raabe: Werke in Einzelausgaben (Hrsg. Hans-Jürgen Schrader) – Band 3: Horacker

Insel Taschenbuch 1985, 182 S., ISBN 3-458-32583-2, Einzelausgaben der 10 Bände sind antiquarisch zu erwerben. Die vorgestellten Texte sind in Sammlungen oder als eBook leicht zu finden, mehr dazu in den Anmerkungen.

177 Seiten hat diese Geschichte, die erste der »der kurz=&=gutn 200=Seiter«, wie Arno Schmidt diese Folge von Romanen Wilhelm Raabes nannte. Entstanden ist das »Raubmörderidyll« 1875, direkt nach Abschluss der Krähenfelder Geschichten. Der Erstdruck war dann 1876. Der kleine Roman spielt in einem Dorf namens Gansewinckel im Weserland, der Heimat des Autors. Mit Horacker ist Cord Horacker, ein junger, aus der Fürsorgeanstalt entflohener Mörder und Jungfrauenschänder gemeint. Raabe spielt in dieser Geschichte wie so oft mittels seines biederen, abschweifenden, nicht selten an Jean Paul erinnernden Erzähltons, der aber offensichtlich auf etwas ganz anderes als auf Beschaulichkeit zielt. Raabe Erzählstil führt wieder einmal in die Irre. Die Kritik war entsprechend: Liebhaber feierten das Werk enthusiastisch, die meisten Feuilletons nannten den Roman eher drollig, mit Längen, Unverständlichkeiten und Unklarheiten. Grund genug der Sache einmal auf den Grund zu gehen. 142 Jahre nach dessen Erstveröffentlichung habe ich Horacker gelesen.

Zehn Stunden eines Nachmittags und Abend im Juli 1867 in und um Gansewinckel: Zeit und Ort sind exakt festzumachen. Der Erzähler breitet gleich zu Beginn die weltgeschichtlichen Ereignisse der Zeit aus, in diesem Dorf aber gibt es nur ein Thema: Horacker. Trotz aller Warnungen begeben sich der alte Konrektor Eckerbusch, ein Germanist alter Schule, und der deutlich jüngere Zeichenlehrer Windwebel auf einen Waldausflug. Sie werden die Mutter des Entflohenen Witwe Horacker treffen, bald darauf auch Cord Horacker selbst. Ein Bild des Jammers, verzweifelt, ausgehungert. Beide Menschenfreunde helfen mit Essen und Wein aus, doch als das Wort »Staatsanwalt« fällt, verliert Cord die Nerven und flüchtet. Windwebel hetzt ihm nach und wird ihn einige Zeit später einfangen. Inzwischen ist aus Berlin, wo sie eine Stellung in der Nähe Berlins innehatte, Lotte Achterhang in Gänsewinckel im Haus des Pfarrers Winckler und seiner resoluten Frau angekommen. Zu Fuß! Erschöpft und ebenso verzweifelt wie ihr geliebter Cordes bricht sie unter Tränen zusammen. Sie hatte in der Zeitung vom Mörder Cord Horacker gelesen:

»Daß sie Cord Horackern im Walde suchen! Daß Cord ein Räuber, daß Cord ein Mörder geworden ist! Und es ist aus einer Zeitung in die andere gegangen, und ich habe einen Brief in meiner Kammer auf meinem Koffer zurückgelassen und habe um Gottes willen um Verzeihung gebeten, weil ich ja gewiß und wahrhaftig niemand Schande machen will als mir selber. Und seit acht Tagen bin ich in keinem Bett gewesen und habe nichts zu essen gehabt, als was auf dem Felde wächst; nur ein Stück Brod hat mir einmal ein Kind gegeben und ein Soldat zwei Groschen auf der Chaussee, damit habe ich mir ein anderes Brod gekauft in einem Dorfe, als es dunkel war.«

Aus einer Zeitung in die andere gegangen … kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Das, was Lottchen in der Berliner Zeitung gelesen hatte, war das vervielfältigte Produkt des bösartigen Geschwätzes der örtlichen Bauern. Wer auf der sozialen Leiter eine untere Sprosse einnimmt, hat eben nicht allzu viel zu lachen. Tatsächlich lag Horackers Vergehen im Diebstahl eines Schmalztopfes! Zurück zur Situation vor Ort: Im Dorf rasen inzwischen die wildesten Gerüchte, dass Horacker seine nächsten Opfer dahingemetzelt hätte. Nun kürze ich meine Nacherzählung stark ab: Windwebel wird Horackers Vertrauen gewinnen und den Entflohenen in das Pfarrhaus der Wincklers bringen. Es wird eine Versammlung geben, bei der Konrektor Eckerbusch der Bevölkerung den Spiegel vorhält und dafür sorgt, dass Cord und Lottchen eine Zukunft haben werden. Ende gut, alles gut.

Wenn das so einfach wäre. Zum einen zeigt Raabe in diesem Roman das soziale Gefälle ebenso klar und deutlich, wie er Verlogenheit und Selbstgerechtigkeit des Bürgertums bloß stellt. Die vom alten Schlag wie Eckerbusch und die Wincklers haben noch Herz, fühlen sich den Idealen der Aufklärung verpflichtet, die nächste Generation agiert eher kalt und berechnend. Vier Jahre nach den dargestellten Ereignissen wird die Gründung des deutschen Kaiserreichs eine neue Epoche einleiten, die erst mit dem Ende des I. Weltkrieges ihr Ende nehmen wird. Das ist ein Datum, das Leser und Leserin im Hinterkopf haben sollte, wenn es um die Deutung des Horacker geht. Wer Raabe liest, erfährt viel aus dem bürgerlichen Leben in Deutschland der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Allerdings fordert die stilistische Maskerade des verschnörkelten Biedermanns die Leserschaft heraus. Das gilt umso mehr, als der Roman nicht nur Sozialkritik, sonder auch sehr gelungene komische Szenen bietet. So aber gab es während der Lektüre nicht wenige Momente, in denen ich mir wünschte, Raabe hätte nur ein wenig gestrafft und die ein oder andere Verspieltheit weggelassen. Wer aber Geduld und Verständnis für die stilistischen Eigenarten Raabes aufzubringen vermag, wird reich belohnt. Vielleicht haben die Kritiker (und auch er selbst) nicht ganz unrecht: Raabe ist nicht selten etwas für Liebhaber.

Zwei von vielen Möglichkeiten, Raabe zu lesen:
Digi20 der Bayerischen Staatsbibliothek
https://wiki.mobileread.com/wiki/Free_eBooks-de/de

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