Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

Argument mit Ariadne 2019, geb. Ausgabe, 352 S., aus dem Amerikanischen von Daisy Dunkel, ISBN: 978-3-86754-239-5
CulturBooks 2019, E-Book, ISBN: 978-3-95988-142-5 

Googelt man nach deutschsprachigen Ausgaben von Büchern der amerikanischen Schriftstellerin Tawni O’Dell, werden zwei Ausgaben desselben Buches angezeigt: »Wenn Engel brennen« bei Ariadne und eine lizenzierte E-Book-Ausgabe bei CulturBooks. Aufmerksamen amerikanischen Lesern und Leserinnen wird O’Dell spätestens seit ihrem Erfolg von »Back Roads« ein Begriff sein, zumal dieses Buch prominent verfilmt wurde. »Wenn Engel brennen« ist O’Dells sechstes Buch und ihr erster Krimi. Er führt uns in den Rostgürtel Amerikas nach Pennsylvania: In einem ehemaligen Bergarbeiterdorf liegt in einer glühenden Felsspalte ein weiblicher Teenager. Nicht nur für die örtliche Polizei ein grausiger Anblick. Seit Jahrzehnten brennen in der längst verlassenen Gegend unterirdische Minen. Diese unlöschbaren Feuer sind eine erste Metapher für all die schwelenden Konflikte in den Familien dieses surrealen und heruntergekommenen Landstriches.

Zum ländlich gelegenen Tatort gerufen wird die fünfzigjährige Dove Carnahan, Leiterin der Dienststelle in Buchanan, der nächstgelegenen Stadt, die den Strukturwandel einigermaßen hingekriegt hat. Obwohl für die Situation eher overdressed (nicht das letzte Mal in diesem Roman) wird die zupackende Carnahan die Leiche bergen. Es handelt sich um die siebzehnjährige Camio Truly. Sie gehört der berüchtigten Truly-Familie an. Camio wollte, wie sich bald herausstellt, ihrem bildungsfernen und gewalttätigen Redneck Milieu entfliehen. Ein brennender Engel, so scheint es. Die Ermittlungen in diesem außergewöhnlichen Fall wird der kurz vor der Pensionierung stehende State Trooper Nolan, ein amerikanischer Polizist wie er im Buche steht, in Zusammenarbeit mit Chief Carnahan übernehmen. Und als die Untersuchungen eben anlaufen, taucht Lucky und mit ihm ein weiteres Problem für den Chief auf: Lucky saß fünfunddreißig Jahre wegen Mordes an Chief Carnahans Mutter im Knast. Er behauptet nun, die Tat nicht begangen zu haben, sondern von Dove Carnahan hereingelegt worden zu sein. So in etwa lässt sich dieser Kriminalfall an. Und am Ende wird kein Stein auf dem anderen geblieben, nichts gewesen sein, wie es auf dem ersten Blick schien.

Geschildert werden die Ereignisse aus der Perspektive von Dove Carnahan. Sie erzählt und stammt wie die Autorin selbst aus Pennsylvania. Gelöst wird der Fall im Wesentlichen durch das Aufschlüsseln von prekären Familienkonstellation. Verhältnisse werden durchleuchtet, und zwar nicht ausschließlich voyeuristisch die der prolligen Unterschicht, sondern auch, und das nicht zu knapp, die der vermeintlich Guten, so dass einem immer mal wieder der Atem stockt. Es tun sich Abgründe auf, allerdings ohne dass das Ganze in eine düster-depressive Milieustudie abgleiten würde. Zwei Dinge sind es, die dafür sorgen: zum einen die außerordentlich unkonventionelle Hauptfigur und Erzählerin. Sie scheint komplett frei davon zu sein, Erwartungen der Menschen um sie herum erfüllen zu wollen. Eine Frau, die sich gern adrett kleidet und beim Kochen entspannt, muss nicht zwingend einem männlichen Klischee entsprungen sein. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie, Sarkasmus und Schlagfertigkeit versucht sie den Fall zu lösen und kämpft gleichzeitig gegen die eigenen Dämonen an. Zum anderen funktioniert dieser Kriminalroman als eine »Wer-ist-es-gewesen?« Geschichte, es darf also fleißig mitgeraten werden. Das zusammen ist nicht wenig.

Wenn die Rezensentin, was den Plot betrifft, einigermaßen kurz angebunden bleibt, so liegt das diesmal nicht an ihrer Faulheit, sondern daran, dass sie ihren nachfolgenden Lesern und Leserinnen auf keinen Fall einen der vielen Überraschungsmomente dieses bis zum letzten Satz grandiosen Kriminalromans stehlen will. Mein Fazit: Die Autorin Tawni O’Dell in einem für sie neuen Genre: Großartig, bitte unbedingt mehr davon.

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